Ich will kein Opfer werden

Täter & Opfer

Nach dem spätabendlichen Kinobesuch die Abkürzung durch den unbeleuchteten Park nehmen? Es ist schon nach Mitternacht und die Augen fallen ihr immer wieder zu. Sie möchte möglichst schnell nach Hause. Doch auf der Höhe der dichten Büsche hört sie ein Rascheln im Gehölz, Schatten streifen ihr hinterher. Vielleicht wird sie verfolgt. Es wurde berichtet, dass im benachbarten Stadtviertel letzte Woche eine Frau nach ihrer Nachtschicht fast vergewaltigt worden wäre. Ihr kam ein Fahrradfahrer zu Hilfe, der zufällig vorbeikam. Die junge Frau erhöht die Geschwindigkeit. Ein Rascheln, fast unhörbar. Ein Schnaufen hinter ihr – oder doch nur ein verirrter Windhauch? Abermals dreht sie sich um. Ihr Herz schlägt schneller und Schweiß tritt ihr auf die Stirn. Vielleicht ist es auch nur ein mittelloser Gauner, der an ihr Geld will? Sie umklammert ihre Handtasche und fängt schon fast an zu laufen. Als sie an der beleuchteten Straße mit den Restaurants und Kneipen ankommt, aus denen Stimmen und reges Treiben dringen, atmet sie erleichtert durch und beschließt, das nächste Mal lieber den längeren Weg über die beleuchteten Straßen zu nehmen.

Die Angst, Opfer eines Verbrechens zu werden, verfolgt Menschen in unterschiedlichem Maße. Die einen trauen sich kaum vor die Haustür, weil sie hinter jeder Ecke eine Gefahr erwarten. Andere gehen ganz ohne Angst regelmäßig nachts alleine joggen. Allerdings passiert denjenigen, die am meisten Angst haben, meistens nichts. Die Verbrechen, die sie sich in schlaflosen Nächten ausmalen, passieren nur in ihren lebhaften Phantasien. Diejenigen, die keine Gefahr wittern, sind natürlich auch leichtsinniger. Sie reden offener mit Fremden. Sie begeben sich arglos in unbeleuchtete und unbelebte Gegenden. Sie geben sich mehr Gelegenheit, Opfer zu werden. Doch wie kann man sich schützen? Durch welches Verhalten bringt man sich in Gefahr? Gibt es angeborene Eigenschaften, die einen eher zum Opfer machen?

 

Die Frau – Das typische Opfer

Das weibliche Geschlecht wird als das schwache Geschlecht angesehen. Aufgrund dieser Stereotypisierung von Frauen, wird auch angenommen, dass sie eher Opfer von Gewalttaten werden. Sie sind schwächer als Männer und können sich weniger zur Wehr setzen. Die Medien sind voll von Frauen, die von einem Unbekannten sexuell misshandelt und getötet oder von ihrem Ehemann jahrelang geprügelt wurden. Es scheint fast, als sei man als Frau nicht sicher auf den deutschen Straßen und ebensowenig in den eigenen vier Wänden.
Statistiken zeigen aber, dass Frauen keineswegs das typische Opfer von Verbrechen sind. Das durchschnittliche Opfer ist männlich. Zumindest liegt ihr Anteil bei gefährlicher und schwerer Körperverletzung, Raubdelikten und Mord und Todschlag jeweils bei über 60%. Lediglich bei Vergewaltigung und sexueller Nötigung machen Frauen über 90% der Opfer aus.

 

Die gefährlichen Straßen

Schon in der Kindheit bekommen wir von unseren fürsorglichen Mutter eingebläut, dass wir aufpassen sollen, wenn wir uns auf den Weg zur Schule machen, uns nachmittags mit Freunden treffen oder kurz mit dem Fahrrad zum nächsten Supermarkt fahren. Diese Mütter lehren ihren Kindern, dass in der Welt da draußen eine unbekannte Gefahr lauert. Da Kinder besonders beeinflussbar und schwach sind, sich nicht wehren können, ist dies natürlich angebracht. Kinder müssen lernen, dass nicht jeder ihnen etwas Gutes möchte und dass die Welt gefährlich sein kann. Jedoch nehmen viele diese Angst vor der „Welt da draußen“ mit in ihr Erwachsenenleben und sehen dabei nicht, dass die Gefahr eigentlich im eigenen zu Hause lauert. Wie die Statistiken zeigen, passieren die meisten Verbrechen – aber auch die meisten Unfälle – im eigenen Haushalt.

 

Der gewalttätige Fremde

Die Worte Täter und Verbrecher rufen bei den meisten Assoziationen zu Unbekannten – Fremden – hervor. Menschen, die wir nicht kennen. Es sind Menschen, die nicht zu unserem eigenen Umfald gehören, da sind wir uns sicher. Ausländer vielleicht. Aber natürlich dunkel bekleidet, eventuell vermummt. Dabei offenbahren die Zahlen, dass eine sehr große Gefahr in unserem Freundes- und Bekanntenkreis sowie in unserer eigenen Familie lauert. Es sind unsere Nachbarn, Partner, Onkels + Tanten und Partybekanntschaften, die uns am meisten Angst bereiten sollten. Denn sie machen einen Großteil der Täter aus. Man sollte sich also immer gut überlegen, mit wem man eine Bekanntschaft oder gar Freundschaft schließt, in welche Wohnung man zieht und wem man besser aus dem Weg geht.

 

Die bedrohliche Nacht

Am meisten fürchten wir Übergriffe in der Nacht. Es sind nur wenige Menschen unterwegs und es ist dunkel. Der Täter könnte hinter einer finstren Ecke auf uns lauern. Aufgrund der schlechten Ausleuchtung des Weges würden wir sein Gesicht kaum erkennen. Er hätte uns unsere Wertsachen entrissen und wäre im Dunkel der Nacht so schnell wieder verschwunden wie er aufgetaucht war. Natürlich suchen Täter Situationen, in denen sie möglichst nicht gestört werden und unerkannt bleiben. Dennoch sollte man auch die Gefahren des Tageslichts nicht unterschätzen. Wenn am Tage jemand auf offener Straße verprügelt wird, ist es wahrscheinlicher, dass ihm nicht geholfen wird. Wir hören gelegentlich von solchen Fällen, in denen sich Menschenansammlungen gebildet haben, um zuzusehen, wie oftmals ein Mann von anderen verprügelt wird. Niemand greift ein. Dieses Phänomen ist als Bystander-Effekt bekannt und hat verschiedene Ursachen:

  • Die Gewalttat wird nicht wahrgenommen.
  • Die Gewalttat wird nicht richtig eingeschätzt. Der Betreffende denkt, dass kein Eingreifen erforderlich ist.
  • Nachdem feststeht, dass eingegriffen werden sollte, übernimmt der Betroffene keine Verantwortung, weil andere Anwesende da sind.
  • Wenn er eingreifen möchte, versagt er vielleicht daran, dass er nicht weiß, was zu tun ist.
  • Vielleicht hat er auch Angst vor Konsequenzen, z.B. dass der Täter sich gegen ihn wendet.

In der Nacht hat man eine größere Wahrscheinlichkeit dafür, dass ungewöhnliche Situationen als Gewalttat wahrgenommen werden. Zudem sind weniger Personen unterwegs, sodass ein Passant, der die Tat bemerkt, die Verantwortung nicht an jemand Anderes übertragen kann. Dies führt dazu, dass einem nachts eher geholfen wird, wenn die Gewalttat erkannt wurde.

 

Quellen:

Hunfeld, Frauke: Fürchtet euch nicht! In: Stern Crime 2016 (10), S. 6–7.

Harbort, Stephan (2013): Die Maske des Mörders. Serientäter und ihre Opfer. Vollst. Taschenbuch-Neuausg. München: Knaur-Taschenbuch-Verlag.